Das Grab des Anch-Hor

von Christopher Waß

Sami Gabra, der sich im Frühjahr 1939 dem Seitenarm D-A/10 in der Tiernekropole widmete, entdeckte bei Räumungsarbeiten das 3 m tief in den Boden eingelassene Grab des Anch-Hor. Es ist der bisher einzige Beleg für eine menschliche Bestattung in der Tiernekropole von Tuna el-Gebel. Die bei der Entdeckung ungestörte Ausstattung des Grabes wurde aus Furcht vor Diebstählen innerhalb einer Nacht geborgen.

Die in den Boden gehauene Kammer besitzt eine rechteckige Grundform, eine Gesamtlänge von 3,82 m und eine Durchschnittsbreite von 1,50 m. Die Wände sind unverkleidet und weisen Meißelspuren auf. Eine 0,53 m hohe Einbuchtung verläuft 0,80 m oberhalb des Bodens entlang der Südwand. Im Osten schließt ein quadratischer Schacht mit einer Breite von 0,80 m und einer Länge von 1,13 m an, der heute eine Holztreppe enthält. Im Gegensatz zu den unverkleideten und mit Meißelspuren belassenen Wänden der angeschlossenen Kammer, ist dieser Schacht an drei Seiten mit Kalksteinblöcken verkleidet. An einer Seite bilden die Kalksteinblöcke einen Rahmen zur eigentlichen Kammer.

Die Decke des Grabes bilden insgesamt zehn Balken aus Kalkstein. Zwei von ihnen befinden sich heute entlang der Südwand des Seitenarmes und lagen wohl einst über dem Schacht, der den Zugang zum Grab bildet. Im Süden sind die Balken in die Wand des Ganges, im Norden sind sie in den modernen Betonboden eingelassen. Drei runde Öffnungen mit einem Durchmesser von 13 cm befinden sich in der Deckenkonstruktion.

Ein 2,54 m langer, 1,14 m breiter und 1,16 m hohe Sarkophag aus Kalkstein dominiert das Innere der Kammer. Er ist aus zwei Teilen gefertigt, einem Deckel und einer Wanne. Auf dem Deckel verläuft ein 15 cm breites Inschriftenband, welches an der Ostseite auf die Wanne hinab und von dort aus horizontal auf die vier Seiten des Sarkophages läuft. Die Inschrift ist in versenkten, sauber gearbeiteten Hieroglyphen ausgearbeitet, welche einst wohl bemalt waren. Der Text weist Anch-Hor als Hohepriester des Thot von Hermopolis aus und nennt des weiteren die Eltern des Verstorbenen.

Bei der Öffnung des Sarkophages fand Gabra einen anthropoiden Holzsarg, der schließlich die Mumie des Anch-Hor, auf dem Rücken gebetet, der Kopf im Westen, die Füße im Osten gelegen, enthielt. Jedoch setzte eingedrungene Feuchtigkeit dem Holz und der Mumie rasch stark zu.

Durch die teilweise sehr genaue Dokumentation Gabras kann die Grabausstattung zum großen Teil Rekonstruiert werden. Die meisten Funde befinden sich heute im Museum von Mallawi.

Zu der Bestattung gehören vier aus Alabaster gefertigten Kanopen, deren Deckel je als einer der vier Horussöhne ausgearbeitet sind. Auf dem Unterteil befindet sich auf jeder Kanope eine hieroglyphische Inschrift, die den jeweiligen Horussohn und die zugehörige Schutzgottheit nennt. Die Kanope des menschenköpfigen Amset und die des schakalköpfigen Duamutef standen rechts neben dem Sarkophag, die des affenköpfigen Hapi und des falkenköpfigen Kebechsenuef standen auf der linken Seite.

Auf der Mumie lag eine aus vergoldeter Bronze gefertigte geflügelte Nut. Ein Lederband, dessen Enden je zwei Horussöhne aus Bronzeblättern tragen, lag auf der Brust des Verstorbenen, ebenso zahlreiche Perlen aus Fayence und Holz, die als Ketten rekonstruiert wurden. Das Gesicht wurde von einer Maske aus vergoldetem Silber bedeckt.

Ein dunkelgrüner Herzskarabäus gehört ebenfalls zur Grabausstattung. Seine Oberseite ist rundplastisch gearbeitet, die Unterseite ist mit einer mehrzeiligen hieroglyphischen Inschrift versehen. Eine weitere, kürzere Inschrift befindet sich zwischen dem linken Beinpaar. Des weiteren wurden vier quaderförmige Alabasterobjekte und verschiedene Miniaturgefäße aus Fayence gefunden. Interessant ist der Fund zweier Bleimasken, welche in einem Tongefäß hinter dem Kopfbereich des Sarkophages gefunden wurden.

Insgesamt 400 Uschebti, die mit den Namen des Anch-Hor beschrieben sind, wurden im Fußbereich des Sarkophags gefunden. Die Ushebti und die zahlreichen Keramikgefäße sind nicht in den Aufzeichnungen Gabras enthalten und befinden sich nicht im Museum von Mallawi.

Das Grab wird in die Perserzeit datiert.

Literatur:

S. Gabra, Chez les derniers adorateurs du trismegiste. La necropole d’Hermopolis Touna el Gebel (Kairo 1971), 183—189.

S. Gabra, Fouilles de l’université „Fouad el Awal“ à Touna el Gebel (Hermopolis Ouest), ASAE 39 (Kairo 1939), 493—495.

S. Gabra, The cult of the Ibis in the sacred galleries of Hermopolis. The sacred galleries of Hermopolis: Priestly- and Ibis sarcophagi. The Ilustrated London News, May 13 1939 (London 1939), 838—840.

D. Kessler, Tuna el-Gebel I. Die Tiergalerien, HÄB 24 (Hildesheim 1987), 18—21.

D. Kessler, Die Galerie C von Tuna el-Gebel, MDAIK 39 (Mainz 1983), 121—123.

G. Vittmann, On priests and officials in Egypt during the Persian period, in: P.Briant, M.Chauveau (Hrsg.), Organisation des pouvoirs et contacts culturels dans les pays de l’empire achéménide. Actes du colloque organisé au Collège de France par la „Chaire d’histoire et civilisation du monde achéménide et de l’empire d’Alexandre“ et le „Réseau international d’études et de recherches achéménides“ (GDR 2538 CNRS), 9-10 novembre 2007 (Paris 2009), 113.

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