Das ptolemäerzeitliche Grab TG2004.G2

von Patrick Brose

Gut zehn Meter östlich des Grabes des Djed-Thot-iuf-anch wurde durch die Joint Mission in den Kampagnen 2004, 2006 und 2007 ein ptolemäischer Grabbau (TG 2004.G2) freigelegt. Das nach Norden ausgerichtete Grab aus Kalkstein besteht aus einem Pronaos (Breite 11,72 m, Tiefe 4,62 m) und einer dahinter liegenden Kapelle (Breite 7,03 m, Tiefe 7,97 m), die durch einen Durchgang in der Grabachse miteinander verbunden sind. Von der Kapellenmitte führt ein knapp fünf Meter tiefer Grabschacht zu den ausgedehnten unterirdischen Kammern.

Plan des Gräberfeldes mit TG2004.G2

Der Grabbau blieb unvollendet. Zudem wurde das Mauerwerk bereits in der Spätantike großteils geraubt. Die Mauern sind maximal noch sieben Lagen hoch erhalten, an mehreren Stellen (Osthälfte des Pronaos, Südhälfte der Kapelle) ist das Mauerwerk bis tief in die Fundamente hinein abgetragen. In der Kapelle fehlen sogar das Bodenpflaster und die Schachtummauerung fast vollständig.

Rekonstruktion von TG2004.G2 und sein Umfeld

Das Vorfeld des Grabes ist in der Achse des Einganges gepflastert. Eine Kalksteinrampe führt zum Grabeingang. Nördlich der Rampe erhebt sich ein kleiner Altar, ebenfalls aus Kalkstein. Dieser Altar ist einer späteren Bauphase zuzuordnen, da er nicht direkt auf dem Vorhofpflaster, sondern auf einer Sandschicht mit mehreren Laufhorizonten errichtet wurde.                                                                                                                                                Die Fassade des Grabes gleicht der des Petosirisgrabes. Sie besteht aus vier Säulen und vier Schranken in den Interkolumnien. Der Eingang in das Grab erfolgt zwischen den beiden mittleren Säulen in den rechteckigen Vorraum. In einer späteren Phase wurde die Westhälfte dieses Raumes durch einer Kalksteinmauer abgetrennt. In diesem separierten Bereich finden sich auch zwei Bestattungen, die mit niedrigen Lehmziegelmauern eingefasst sind. Die Osthälfte des Pronaos ist durch Steinraub bis tief ins Fundament hinein stark zerstört. In diesem Bereich fanden sich neben einem großen Steinquader der Deckenkonstruktion auch Fragmente eines Sarkophagdeckels aus Kalkstein. In den Eingang hinein wurde nachträglich ein Einbau aus Lehmziegeln und Kalkstein errichtet, dessen Stufen den Zutritt zum Grab ermöglichte, als der Vorhof versandet war und ein viel höheres Niveau hatte.

Pronaos in O-W Richtung

Die an den Pronaos anschließende Kapelle hat einen fast quadratischen Grundriss. Der Raumboden ist gepflastert. Die Decke der Kapelle wurde von zwei oder vier Pfeilern gestützt, ihre Fundamente fehlen aber auf Grund des Steinraubes vollständig. An der Nordwand sind noch die Sockel zweier Halbpfeiler erhalten, zwei Gegenstücke sind an der Südwand zu rekonstruieren.                                                                                                        Fast mittig liegt der Grabschacht. Er ist im oberen Bereich mit großen Kalksteinplatten eingefasst, der untere Bereich besteht aus zum Teil verputztem Fels. In einer späteren Phase wurden die obersten Platten durch eine Ummauerung aus Lehmziegeln ersetzt. Sowohl in den Kalksteinplatten als auch in den Felswänden sind Trittlöcher als Kletterhilfen angebracht. In knapp fünf Meter Tiefe öffnet sich der Schacht in alle Richtungen in das weit reichende Kammernsystem.

Kapelle mit Schacht

Die unterirdischen Bereiche sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Fast überall sind die Kammerdecken eingestürzt, in einigen Bereichen beträgt die Raumhöhe daher nur noch dreißig Zentimeter. Zudem ist Wasser eingedrungen. Aus Sicherheitsgründen war daher eine detaillierte Vermessung und Freilegung der unterirdischen Bereiche nicht möglich. Im Süden sind sauber herausgemeißelte Kammern auszumachen, während die Bereiche im Norden – auch durch Zerstörungen – eher höhlenartig wirken. In der südlichsten Kammer sind drei Kalksteinsarkophagen aufgestellt, von denen zwei durch Grabräuber aufgebrochen wurden. Zahlreiche Sargfragmente, Holzobjekte und zerstückelte Mumien liegen herum, mindesten 12 Schädel sind auszumachen. Zudem fanden sich in zwei weiteren Kammern Bestattungsreste, im Schacht lagen zusätzlich mehrere Mumien.

Südliche unterirdische Kammer mit Kalksteinsarkophage

An den ptolemäischen Steinbau wurden weitere Grabanlagen angebaut. Entlang der Ostseite erstreckt sich das römische Grab TG2006.G6, an der Nordwestseite das – ebenfalls römische – Grab TG2004.G1. Letzteres nimmt die gesamte Westhälfte der Nordfassade von TG2004.G2 ein und überdeckt zum Teil auch die Eingangsrampe. Es hat einen fast quadratischen Grundriss (6,04 m x 5,54 m). Erhalten ist der etwa 1 Meter hohe Sockel des Grabes aus Kalkstein und der Fußboden des Grabinneres. Zudem ist ein einzelner Kalksteinblock des aufgehenden Mauerwerkes in situ verblieben. Auf dem Boden aus Lehmziegeln sind entlang der nicht mehr vorhandenen Wände Grabeinfassungen aus weiß verputzten Lehmziegeln errichtet. Der Eingang befand sich im Norden zwischen zwei, in das Grab hineinragenden, Pfeilern. An der Westseite wurde aus Kalkstein ein kleines Grab (TG2004.G4) errichtet. Zur Abdeckung des Grabes wurde eine demotische Stele aus der Regierungszeit des Augustus wieder verwendet.

Grab TG2004.G1 und G4 von Nordwesten

Auch außerhalb der Gräber wurde entlang der Außenwände des ptolemäischen Grabes und seiner Anbauten fast fünfzig Bestattungen im Wüstensand abgelegt. Zum größten Teil orientieren sie sich in ihrer Ausrichtung an den Gräber. Sie sind nur mit wenigen Grabbeigaben abgelegt worden, in ihrer Nähe fanden sich aber zahlreiche Keramikdeponierungen.

Außerhalb des Grabes TG2004.G2, an der Westwand der Kapelle, fand sich ein Konvolut (Deponierung 1) aus mehreren Uschebti, einigen Amuletten, hölzernen Hohlkehlen und einer Säule, Fragmenten hölzerner Statuetten (Ba-Vögel, Ptah-Sokar-Osiris-Figuren, Göttinnen), sowie einer Tiermumie und zahlreichen Mumienbinden. Die Objekte stammen aus der Spätzeit/frühen Ptolemäerzeit und wurden vermutlich bereits in der Spätantike hier abgelegt. Die Objekte, vor allem die aus Holz, sind in einem schlechten Erhaltungszustand. Die Inschriften auf den Statuetten sind zum größten Teil zerstört. Lediglich eine Kolumne mit „… Sohn des Großen der Fünf, Leiter der Sitze …“ lässt sich noch lesen. Unklar ist, ob dieses Konvolut aus den unterirdischen Grab TG2004.G2 oder einem weiteren Grab in der näheren Umgebung stammt.

Hölzerner Ba-Vogel von Deponierung 1

Der freigelegte Bereich (ca. 30 x 20 m) um das Grab TG2004.G2 gibt uns einen Eindruck des eigentlichen Erscheinungsbildes der Nekropole von Tuna el-Gebel. Anders als im Bereich um das Grab des Petosiris, wo von den Ausgräbern großflächig spätere Anbauten entfernt wurden, sind sie hier noch erhalten. Um das wohl frühptolemäische Grab TG2004.G2 entstanden in der römischen Kaiserzeit Anbauten wie die Gräber TG2004.G1, TG2004.G4 und TG2006.G6. Rund um die Gräber lassen sich zudem knapp fünfzig Bestattungen im Wüstensand erkennen, genauso wie Grabbeigaben und Gebrauchskeramik. Diese Befunde wurden in Tuna el-Gebel bislang nicht in situ dokumentiert. Die Bestattungsspuren reichen in diesem kleinen Bereich der Nekropole von der 30. Dynastie bis in die koptische Zeit.