Das römerzeitliche Grab TG2006.G6 aus Tuna el-Gebel

Ein Vorbericht zu der Grabungskampagne im September 2009

von Mélanie C. Flossmann-Schütze (erschienen in Thots 4, 24-35)

Einleitung

Im September 2009 konnte durch die finanzielle Unterstützung des Collegium Aegyptium unter der Leitung von Frau M.A. Mélanie C. Flossmann-Schütze eine weitere Grabungskampagne in der griechisch-römischen Nekropole in Tuna el-Gebel stattfinden. Ziel war es, ein im Jahre 2004 entdecktes und stellenweise 2006 und 2007 freigelegtes römisches Lehmziegelgrab aus dem 1. -3. Jh. n. Chr. vollständig zu erschließen. Entgegen den Erwartungen und zur freudigen Überraschung des Arbeitsteams enthielt Grab 6 noch einen Großteil seiner ursprünglichen Grabausstattung. Der vorliegende Bericht soll einen ersten Eindruck des Münchner Forschungsprojekts in Tuna el-Gebel vermitteln.

Forschungsgeschichte

Die archäologischen Arbeiten der Joint Mission des Institutes für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Faculty of Archaeology der Cairo University in Tuna el-Gebel befassen sich seit dem Jahre 1989 mit der Erschließung des Tierfriedhofes, der dazugehörigen Kult- und Verwaltungsbauten sowie des Nekropolengebietes nördlich des Grabes des Petosiris.

Die antike Nekropole Tuna el-Gebel befindet sich ca. 300 km südlich von Kairo im heutigen Bezirk Mallawi in der Provinz Minia in Mittelägypten. Der Friedhof der antiken Großstadt Hermupolis magna, dem heutigen Aschmunein, ist nach dem modernen Dorf Tuna el-Gebel benannt und erstreckt sich ca. 7 km entlang des westlichen Wüstenrandes. Die antike Nekropole weist eine durchgängige Belegungsphase von 1500 v. Chr. bis ins 8. Jh. n. Chr. auf und kann in zwei Bereiche unterteilt werden. Im Norden befindet sich das stark zerstörte Friedhofsareal des Neuen Reiches. Im Süden hat sich in der Spätzeit ein neues Nekropolenzentrum entwickelt, dessen Blütezeit mit der ptolemäischen Epoche zusammenfällt.

Die Untersuchungen der Joint Mission begannen in den ausgedehnten und verzweigten unterirdischen Tiergalerien, die ab der Saitenzeit (ca. 664 v. Chr.) angelegt und bis in die Römerzeit (1. Jahrhundert n. Chr.) mit den Überresten heiliger Tiere gefüllt wurden.

Seit dem Jahre 2002 konzentrieren sich die Ausgrabungen auf ein Nekropolen- und Verwaltungsgebiet, das sich nördlich des Grabes von Petosiris und östlich des Tierfriedhofes befindet. Bislang wurde der flache und von Grabräuberlöchern übersäte nördliche Nekropolenabschnitt nicht wissenschaftlich untersucht. Satellitenbilder ermöglichten eine detaillierte Aufsicht auf dieses Gebiet: Große Lehmziegel- und Steinbauten reihen sich entlang einer nördlichen und südlichen Achse, die als Prozessionsstraßen zu deuten sind und die Tiergalerien sowie den Tempel des Osiris-Pavian mit dem antiken Siedlungsareal auf dem Kom el-Loli am westlichen Wüstenrand verbanden.

Im Jahre 2004 wurde bei einem Testschnitt (Trench 1 und 2) an der südlichen Prozessionsstraße ein aus sechs Gräbern bestehender Komplex entdeckt, der in den folgenden Kampagnen teilweise ausgegraben wurde (Abb. 1). Die ursprüngliche Grabanlage (Grab 2), bestehend aus Dromos, Altar, Pronaos, Kapelle und unterirdischen Grabkammern, datiert in die Ptolemäerzeit und wurde später von 6 römerzeitlichen Grabbauten aus Lehmziegeln und Kalkstein (Grab 1, 3-7) umfasst. Zu den bedeutenden Funden gehören das sogenannte Pyramidengrab (Grab 7) mit seiner weitestgehend intakten Grabausstattung sowie das neu freigelegte Grab 6, das im Folgenden vorgestellt wird.


Abb. 1: Rekonstruktion des Nekropolenabschnitts mit den Gräbern 2, 6 und 7 (von rechts nach links); Patrick Brose

Zur Architektur von Grab 6

Der Grundriss der aus Lehmziegeln errichteten Grabanlage besteht aus drei von Norden nach Süden folgenden Kammern (Raum I-III) und weist eine Gesamtlänge von 10,45 m auf (Abb. 2). Die Fassade des Grabes ist 5,29 m breit und leicht geböscht. Ein Altar aus Lehmziegeln und Kalksteinbrocken befindet sich direkt vor dem Haupteingang an der Prozessionsachse. Der in sich geschlossene Bau wurde als „Dreikammern“-Grab konzipiert, das sich direkt an der Ost-Wand des ptolemäerzeitlichen Grabs 2 anlehnt. So wurde die steinerne Ostwand von Grab 2 direkt als West-Wand von Grab 6 eingebunden. Die Mauern sind im Osten der Anlage relativ gut bis zum Ansatz des Deckengewölbes bis zu einer Höhe von 2,75 m erhalten. Nach Westen hin nimmt der Erhaltungszustand deutlich ab. Lediglich 0,60 m ragen von den Mauerzügen im Westen empor. Die Außenwände des Grabes sind auf zwei Fundamentlagen aus Lehmziegeln errichtet, während die Böden der drei Räume, bestehend aus grob aneinandergelegten Lehmziegeln, auf Sand aufliegen. Ansätze der Deckenkonstruktion an den ost-westlich verlaufenden Mauerzügen verdeutlichen, dass jede Raumeinheit von einem Tonnengewölbe überdacht war. Zwei dünne Fensterschlitze befinden sich auf einer Höhe von 2,30 m in jedem Raum an der Ostwand. Der ursprüngliche Haupteingang sowie die weiteren Durchgänge zu den Kammern liegen in einer Nord-Süd-Achse. Nach dem Einsturz der Deckengewölbe in der Antike, wohl zeitgleich mit dem Steinraub bei Grab 2, wurden die drei Durchgänge vermauert. Die ursprüngliche Anlage wurde so in drei einzelne Bestattungplätze mit einer kultischen Ost-West Ausrichtung gegliedert, die späteren Verstorbenen Platz bot.


Abb. 2: Grundriss des Grabes mit den Räumen I-III; Patrick Brose

Zum architektonischen Ausbau des Grabes gehören in Raum I rechts und links des Haupteingangs zwei Nischen, die mit einer in die Mauer eingesetzten Innennische versehen waren. In den Nischen konnten Statuenreste aus Stuck sowie kleine Keramikschälchen dokumentiert werden. Die Räume waren in einer ersten Bauphase mit weiß verputzten Bänken versehen worden, auf denen meiste eine oder mehrere Mumien bestattet waren. Zu einer zweiten Belegungsphase gehören kleine mit Lehm verputzte Bänke sowie aus einfachen Lehmziegeln errichtete Umfassungen, die ebenfalls Mumien bargen.

Die Innen- und Außenwände von Gab 6 war vollständig weiß verputzt und stellenwiese bemalt. Die Nordfassade war rechts und links der Tür mit jeweils 2 quadratischen Paneelen versehen, die Steinplattenapplikationen, wohl Alabaster, imitieren sollten. Die Türpfosten waren außen mit je einer rötlich-braunen Pflanzenranke verziert. Raum I wies abgesehen von einem floralen Motiv auf den Pfosten des Durchgangs zu Raum II keine weiteren Wandbemalungen auf. In Raum II hingegen waren in der Osthälfte der Kammer die Wände mit bunten Blumengirlanden, dunklen Trauben und einem Hahn dekoriert. Die Wandmalereien befinden sich dort über 2 verputzte Bänke, auf denen 5 Mumien beigelegt wurden. Die Türpfosten zu Raum III sind hier mit bunten Granatäpfeln und Ranken geschmückt. Die zentrale Malerei lag jedoch in der Nord-südlichen Blickachse auf der inneren Südwand von Raum III (Abb. 3). Über einem Triklinium befindet sich ein großer Weintraubenbaum, der in den Grundfarben Rot, Schwarz und Gelb gehalten ist.


Abb. 3: Triklinium mit Wandmalerei, Raum III; Mélanie Flossmann-Schütze

Die Bestattungen von Grab 6

Insgesamt konnten in Grab 6 14 Menschenmumien und 3 Tiermumien aufgenommen werden. Da Grab 6 jedoch über einen längeren Zeitraum in Benutzung war und einige Bestattungen nach ihrer ursprünglichen Beisetzung verschoben worden sind, kann über die ursprüngliche Anzahl der Mumien nur spekuliert werden. Nach Einsturz der Tonnengewölbe wurde auf der Grabdecke bei Raum I die Reste eines Huftieres, bei Raum II eine Hundebestattung sowie bei Raum III eine nach Westen ausgerichtete Mumie, von einer einfachen flachen Lehmziegelreihe umschlossen, beigesetzt. Im Inneren des Grabes können grob zwei Beisetzungsphasen unterschieden werden. Die ersten Bestattungen liegen bzw. lagen auf massiven Bänken, während die Nachbestattungen zum einen auf dem Boden mit Lehmziegeln umfasst zum anderen auf kleinen Lehmziegeltürmen aufgebahrt waren. Zusätzlich konnten die Verstorbenen, die nachträglich auf dem Boden abgelegt worden waren, mit einem hölzernen Mumienbrett versehen sein. Die Mumien aus der ersten Bestattungsphase ähneln in ihrer Form und Größe den vergoldeten Stuckmumien aus Grab 7. Hohe Hinterköpfe mit massiven Rückseiten und stelenartige Fußteile mit halbrunden Ausbuchtungen datieren diese, aufgrund einiger lokaler Vergleichsstücke aus Mittelägypten, ca. 150 – 250 n. Chr. Bei den späteren Beisetzungen wurden die Verstorbenen nicht mehr mumifiziert und lediglich mit einem Leinentuch bedeckt in Grab 6 abgelegt.

Die Funde

Die unter der eingestürzten Decke geborgenen Funde geben einen anschaulichen Eindruck über einen Teil der ursprünglichen Grabausstattung. Bereits in den letzten Jahren wurden bei Oberflächensurveys und Testgrabungen zahlreiche Objektgruppen aus dem griechisch-römischen Gräberfeld dokumentiert. Durch die Freilegung des sog. „Pyramidengrabes“ (Grab 7) konnte eine weitestgehend unberührte Grabausstattung aus dem 1.-2. Jh. n. Chr. in ihrem ursprünglichen Kontext geborgen werden. Diese Funde werden nun durch weitere Objekte aus Grab 6 ergänzt. Neben den heute weitestgehend vergangenen Beigaben wie Nahrungsmittel, Blumengirlanden und Textilien gehörten zunächst Gefäße aus Ton (Gebrauchskeramik), Stein (z.T. Alabaster), Glas (meist Schmink- oder Ölfläschchen) und Metall (Bronze und Blei) zu den klassischen Beigaben in Tuna el-Gebel. Mumienbretter aus Holz oder Mumienmasken aus Stuck schmückten den Körper des Verstorbenen. In besonderen Fällen konnten hölzerne und mit Szenen dekorierte Mumienbetten geborgen und dokumentiert werden. Zu den besonders interessanten Befunden gehören die Beigabe zahlreicher Amulette mit griechisch-römischen Motiven sowie die Wiederverwendung von Uschebtis aus ptolemäischer Zeit. Das Ablegen von Öllämpchen am Grab war ebenfalls Teil der Bestattung bzw. des Totenkultes.

Die Funde aus Grab 6 verdeutlichen, dass bereits in der Antike einzelne Bestattungen umgebettet, verschoben und auch stellenweise geplündert wurden. Dennoch erhalten wir hier einen wichtigen Einblick in die Bestattungstradition und Funerärkultur des römerzeitlichen Tuna el-Gebel.

Im Folgenden sollen die wichtigsten Fundgattungen aus Grab 6 kurz vorgestellt werden.

Gefäße

Die Gefäße aus Grab 6 können grob in Beigaben- und Kultkeramik unterteilt werden. Zu der ursprünglichen Grabausstattung gehören die auf Bodenniveau, in Nähe der Verstorbenen gefundenen Vorratsgefäße für Flüssigkeiten und Nahrungsmittel. Bei einigen Mumien lagen kleine flache Schälchen direkt unter den Köpfen der Verstorbenen. Sogenannte „Kochtöpfe“ und Krüge, aber auch Becher und Teller wurden dem Toten fürs Jenseits mitgegeben. Die für die eigentliche  Bestattung produzierten Gefäße sind in ihrer Fertigung und Bemalung deutlich feiner gearbeitet als die spätere Kultkeramik. Letztere befand sich in höheren Schichten um Grab 6 herum. Sie stammen von später dargereicht Opfergaben bzw. wurden im Zuge des Festmahls bei Totengedenkfeiern von den Hinterbliebenen am Grab abgelegt. Über 40 Amphorenverschlüsse aus Lehm, stellenweise noch mit einem Stempel versehen, konnten vor dem Haupteingang fast auf Bodenniveau im Sand geborgen werden. Ein weiterer interessanter Befund ergab sich aus der Verfüllung zweier Bänke aus Raum I und III sowie unterhalb des Bodens von Raum III, wo gebrauchte und zerbrochene Gefäße wohl nach den Bestattungszeremonien und späteren Kultaktionen abgelegt wurden.

Zu der Objektgattung der Gefäße zählen auch die in Raum II direkt unter der mit einer Stuckmaske versehenen Mumie abgelegten Metallschale und –henkelkrug (Abb. 4). Die aus Bronze gefertigte Schale ist innen sowie außen in Form einer Muschel gearbeitet. Eine kleine Öse suggeriert, dass die Schale nicht nur aufgestellt sondern auch aufgehängt werden konnte. Ein weiterer Krug aus Blei mit zwei Henkeln weist detailliert ausgearbeitete florale Attachen auf.


Abb. 4: Muschelförmige Bronzeschale aus Raum II; Elisabeth Griesbeck

Erstaunlicherweise fanden sich in Grab 6 nur wenige Fragmente von Glasgefäßen und -schälchen. Lediglich ein intaktes, aus dunkelgrünem Glas gefertigtes Unguentarium und weitere Fragmente eines weißen Schälchens fanden sich in Raum III. Im Zuge der Grabungskampagnen 2004-2007 fanden sich in diesem Gräberareal hingegen hunderte Glasfragmente und zahlreiche gut erhaltene Gefäßformen aus dem 2-4 Jh. n. Chr.

Mumienbett

Von besonderem Interesse war der Fund eines hölzernen Mumienbettes mit Löwenkopfapplikationen in Raum I an der Südwand (Abb. 5). Mumienbetten aus Holz sind für die griechisch-römische Zeit archäologisch selten belegt. Die Entdeckung zweier Exemplare in Grab 7, darunter ein Bett mit Baldachinkonstruktionen, stellt einen bislang einzigartigen Befund dar. Umso wichtiger ist der Fund eines weiteren Bettes aus einem festen Kontext nur wenige Meter westlich des Pyramidengrabes. Das Bett aus Grab 6 ist jedoch in einem weitaus schlechteren Zustand. Bei genauer Betrachtung fielen tausende von kleinen Insekteneiern auf, die auf der gesamten Holzkonstruktion angebracht waren. Auch befanden sich an den Innenwänden der Grabräume appliziert lange Insektengänge. Das Holz des Bettes ist fast vollständig vergangen. Lediglich die äußere Malschicht des Kopf- und Bettgestells sowie die Umrisse der Längsseiten konnten dokumentiert werden. Die vier Eckpfosten waren mit farbigen Kassettenmustern versehen. An den Paneelen der Kopfseite konnte noch eine blauhäutige Göttin mit einem roten Gewand identifiziert werden sowie Reste eines buntgefiederten Geier- oder Falkenflügels. Starke Verrußungen am Boden unterhalb des Bettes sowie auf der Südwand suggerieren, dass die Bestattung an dieser Stelle gebrannt hat. Zahlreiche vergoldete und verkohlte Stuckfragmente lagen unter dem Bett und stammen wahrscheinlich von einer vergoldeten Stuckmumie wie sie auch für die Mumienbetten von Grab 7 belegt sind.


Abb. 5: Rekonstruktion des Mumienbettes von Grab 6; Patrick Brose

Mumienmaske

Die für Tuna el-Gebel bekannte Bestattungssitte den Verstorbenen mit einer Maske aus Stuck zu schmücken konnte ebenfalls an der mit den Metallgefäßen versehenen Bestattung in Raum II belegt werden (Abb. 6). Die Maske zeigt eine Frau mit trajanischer Haartracht. Ihr Gesicht ist vergoldet und die Augen aus Glas eingelegt. Das Gewand der Verstorbenen setzt sich aus einer rosafarbigen Tunika sowie grau-blauen Clavi zusammen. Ihre vergoldeten Hände liegen unterhalb der Brust auf. Die Mumienmaske reichte der Verstorbenen bis auf Bauchhöhe. Auf dem rosa grundierten Dosseret befindet sich am Hinterkopf der Mumie ein menschengesichtiger Ba-Vogel. Die Seitenlappen zeigen jeweils eine Osirisfigur und einen Opfertisch sowie eine schakals- und falkenköpfige Gottheit. Die Maske wurde aufgrund des antiken Deckeneinsturzes in zahlreiche mehr oder minder große Fragmente zerschlagen. Ein Restaurierungsprojekt soll sich im Frühjahr 2011 mit der Zusammensetzung der Maske beschäftigen. Vergleichstücke aus Tuna el-Gebel datieren in das 2. Jh. n .Chr.


Abb. 6: Darstellung von Osiris und Anubis an der rechten Kopfseite der Mumienmaske; Mélanie Flossmann-Schütze

Amulette

Der Brauch den Verstorbenen mit meist apotropäischen Amuletten für das Jenseits zu versehen ist auch für die griechisch-römische Zeit gut belegt. In den letzten Jahren konnten durch drei Befunde aus dem Nekropolenabschnitt die Verwendungskontexte sowie die Motivauswahl für das 1. und 2. Jh. n. Chr. dokumentiert werden. Insgesamt wurden über 300 Amulette gefunden. Sie wurden aus einer Stuckmasse geformt bzw. mit Hilfe von Modeln gefertigt. Der Großteil der Amulette imitiert mit seiner grün-gräulichen Bemalung wohl ägyptische Fayence. Gelbe und schwarze Farbreste konnten ebenfalls dokumentiert werden. Die Amulette aus Grab 7 wurden girlandenartig an der Baldachinkonstruktion des Mumienbettes zum Schutz des Verstorbenen befestigt. Seilreste konnte stellenweise in den Ösen der Anhänger sowie am Bett festgestellt werden. Mit dem Amulettfund aus Grab 6 wurden weitere 178 gräko-ägyptische Amulette von 14 verschiedenen Typen geborgen (Abb. 7). Sie befanden sich wild zusammengeworfen in der Nord-westlichen Ecke von Raum II neben zahlreichen Statuenfragmenten und Gefäßen. Die Amulette weisen neben dem klassisch apotropäischen Charakter vor allem einen dionysischen- sowie einen Sieges-Bezug auf. Den Hauptanteil der Amulette machen die sogenannten Scheibenanhänger mit farbigen Innenkreisen, die wohl Schmuckanhänger aus Metall und Einlagen imitieren sollen. Die anderen Exemplare können grob in ägyptische sowie in griechische Motive unterteilt werden. Zu den ersteren gehören beispielsweise die Anhänger des Bes, des Udjat-Auges und Harpokrates auf der Gans. Auch Katzen- und Löwenamulette zählen dazu. Die griechischen Amulette zeigen einen dionysischen Zwerg, Athena, Medusa, Aphrodite mit Eros, eine Baubo-Figur sowie Pan. Das männliche Geschlecht kann, wie zum Teil auch andere Motive beiden Kulturkreisen zugeordnet werden. Ein bislang nicht belegtes Exemplar zeigt einen Adler, der einen Kranz in den Krallen trägt (Siegessymbolik).


Abb. 7: Amulett aus Grab 6; Alexander Schütze

Statuen

Zu der ursprünglichen Grabausstattung in Raum II gehörten auch mehrere Stuckstatuen. Zu den herausragenden und bislang singulären Exemplaren zählt eine Göttertriade des Anubis, Osiris und Isis (Abb. 8). Die Statuengruppe war ursprünglich wahrscheinlich in der Mitte des Raumes auf einem Holzpodest aufgestellt. Sie konnte nach dem antiken Deckeneinsturz nur noch liegend und in viele Fragmente zerbrochen geborgen werden. In der Mitte der Stuckplastik steht der schakalsköpfige Gott Anubis, in einem mumienförmigen Gewand und roter Sonnenscheibe als Kopfschmuck, leicht erhöht über der Gruppe. Zu seiner rechten Seite befindet sich eine Osirisfigur mit stilisiertem Königskopftuch und einem roten, mit weißen Blumen versehenen Mumiengewand. Die Osirisfigur repräsentiert hier nicht nur die Gottheit selbst sondern auch den Verstorbenen, der sich für das Jenseits als Osiris-NN darstellen lässt. Auf der linken Seite des Anubis steht die Göttin Isis in einem die Brust freilassenden, gelben Faltengewand. Ihr Gesicht wurde leider durch den Einsturz massiv beschädigt. Zusätzlich befanden sich in Raum II noch mehrere Statuenfragmente, von denen einige dem Bildnis einer der ursprünglichen Grabbesitzer zugesprochen werden kann. Zwei Arme und Hände, die jeweils Schreibutensilien halten, tragen einen Schlangenarmreif und weisen noch auf den Oberarmen die Enden von langen, schwarzen herabfallenden Haaren auf.

Die Stuckstatuen, wie auch die Amulette und die anderen Objektgruppen sollen im Frühjahr 2011 konserviert und restauriert werden. Derzeit werden die Funde in der Frühjahrskampagne 2010 bearbeitet und fertig dokumentiert.


Abb. 8: Rekonstruktion der Stucktriade bei der Bergung in Raum II; Melanie Flossmann-Schütze

Danksagung

Die Grabungskampagne wäre ohne die großzügige finanzielle Unterstützung unserer Förderer und Freunde nicht Möglich gewesen. Wir danken besonders dem Collegium Aegyptium und deren privaten Sponsoren für die Übernahme des Großteils der Kosten. Dem Institut für Ägyptologie danken wir ebenfalls für die Beteiligung an den Flügen der Studenten. Frau Prof. Dr. Irene Götz unterstützte im Rahmen des LMUMentoring finanziell den Aufenthalt.

Den Grabungsteilnehmern, Alexander Schütze, M. A., Patrick Brose und Christopher Waß sei für den oft mühevollen Einsatz auf der Fläche, bei drückender Septemberhitze und während der Fastenzeit des Ramadans, sowie für ihren unerlässlichen, ehrenamtlichen Arbeitseinsatz und Opferung ihrer „Freizeit“ herzlich gedankt.