Die Reproduktion der Statuetten TG 6341/2 aus Tuna el-Gebel

von Vivien Schmidt-Neder

Die Isis-Statuetten TG 6341/2, die im Grab TG2006.G7 in Tuna el-Gebel an den beiden Seiten des Kopfes der Mumie 01 standen, wurden im Zuge der Magisterarbeit von Vivien Schmidt-Neder im Herbst 2008 reproduziert. Zum Zeitpunkt der Auffindung wurden die Statuetten nicht nur photographisch und zeichnerisch, sondern auch per 3-D Scan-Verfahren dokumentiert[1]. Diese Scans dienten später als Grundlage für die Reproduktion der beiden Figuren. Die Firma Alphaform stellte die nötige Software zur virtuellen Bearbeitung der Scans der Statuetten sowie später Maschinen und Material für die Reproduktion und nachträgliche Bearbeitung der Figuren zur Verfügung[2].

Isis-Statuetten TG 6341 und 6342 aus Grab TG2006.G7 (Photo: Elisabeth Griesbeck)

Zunächst mussten die in Ägypten angefertigten Scans ausgebessert werden, um eine virtuell zusammenhängende Oberfläche zu bilden, die eine Reproduktion mit dem sog. Voxeljet-Verfahren[3] ermöglichte. Um das Endergebnis zu optimieren, sollte die ‚Haut‘ der Statuette bereits am Computer so glatt wie möglich gestaltet werden. Durch die fehlende Zeit vor Ort und die niedrige Auflösung des in Ägypten zur Verfügung stehenden Scanners entstanden auch sog. Mess-Schatten, die die Reproduktion der Oberfläche zusätzlich erschwerten und die virtuell am Computer entfernt werden mussten. Des weiteren war auch die Rekonstruktion einiger Teile der Figuren, die ebenfalls den bereits genannten Mess-Schatten zum Opfer gefallen waren, notwendig. Als Beispiel soll hier der von der Figur aus gesehen rechte Daumen von TG 6341, sowie die Kopfbedeckung (Thronsitz und Geierkopf) derselben Figur genannt werden. Solche Rekonstruktionen wurden mithilfe von geometrischen Figuren erzielt, die vom Bearbeitungsprogramm zur Verfügung gestellt wurden.

Scans von TG 6341/6342 (angefertigt von Patrick Brose)

Nach dieser Korrektur wurden die Figuren virtuell in den Tank der Voxeljet-Anlagen, die die Reproduktion vornahmen, platziert, um den vorhandenen Platz in der Maschine bestmöglich zu nutzen. Im nächsten Schritt wurden die Statuetten dreidimensional ‚ausgedruckt‘, indem ein Tintenstrahldruckkopf wiederholt über den bereits erwähnten Tank, der mit einer Pulverfüllung[4], sog. PMMA (ein Kunststoffpulver aus Acrylglas) versehen wurde, fuhr und einen Klebstoff verteilte, bis die Figur dreidimensional vollständig aufgebaut war. Nach Fertigstellung der Figuren wurden diese für 24 Stunden zum Aushärten in einen Ofen platziert.

Die fertig ausgehärteten Figuren wurden mir zur Feinbearbeitung überantwortet. Da der Grundscan sehr grob und ‚pixelig‘ war, erwies es sich als notwendig, die Oberfläche noch einmal feiner zu strukturieren, indem sie leicht abgeschliffen wurde. Auch die vom Mess-Schatten verdeckten und rekonstruierten geometrischen Teile wurden mit Feilen und zahntechnischem Gerät anhand von Vergleichen mit Fotografien der Originale so präzise wie möglich zurecht gefeilt.

Unbearbeitete Reproduktionen von TG 6341/6342 (erstellt von Vivien Schmidt-Neder)

Im Anschluss an die Bearbeitung der Oberfläche erfolgte als letzter Schritt die Bemalung derselben mit Original-Pigmenten[5] wiederum in Anlehnung an vor Ort erstellter Fotografien der Statuetten[6]. Folgende Pigmente kamen hierbei zum Einsatz: Ägyptischblau, Burgunder-Ocker Rot, Burgunder-ocker Gelb, Karbon-Schwarz und Deckweiß.

Bemalte Reproduktionen von TG 6341/6342 (erstellt von Vivien Schmidt-Neder)

Die Bedeutung der Figuren TG 6341/2 im Kontext des Grabes

Die Position der zwei Figuren TG 6341/2, die auf Grund ihrer Kopfbedeckung als Isis-Statuetten identifiziert werden können, zu beiden Seiten des Kopfes der Mumie ist auf den ersten Blick ebenso verwunderlich wie die Tatsache dass hier zweimal die Göttin Isis abgebildet wurde. Um diese Begebenheiten erklären zu können, muss ein Vergleich mit ähnlichen Stücken in einer ähnlichen Position vorgenommen werden.

Die Figuren wurden aus Gips gefertigt[7] und sind bemalt. Diese Bemalung ist fast vollständig erhalten und weist hauptsächlich im Bereich der Farbe der Kleidung Abblätterung auf, die wohl auf einen Abbau des Bindemittels zurückzuführen ist. Da es keinerlei dreidimensionale Parallelen für derartige Gips-Figuren gibt, musste auf einen Vergleich mit anderen Objekten zurückgegriffen werden. Hierzu haben sich besonders bemalte Särge mit ähnlicher Datierung und aus der Umgebung von Tuna el-Gebel angeboten, die vergleichbare Figuren mit der selben Platzierung, aufgemalt zu beiden Seiten des Kopfes des Verstorbenen im Sarg, aufweisen.

Die zwei Figuren, die beide anhand ihrer Kopfbedeckung als die Göttin Isis identifiziert werden können, verblüffen mit Hinblick auf den Umstand, dass normalerweise das Geschwisterpaar Isis und Nephtys als Klagefrauen an Kopf- und Fußende der Totenbahre stehen oder knien und meist ihre Arme in einem Trauergestus erheben. Hier aber findet sich Isis doppelt. Dies lässt sich unter anderem in ihrer Datierung erklären, denn zur Produktionszeit dieser Figuren (wohl 1. Jh. n. Chr.) war die Unterscheidung zwischen Isis und Nephtys nicht mehr klar geregelt. Isis, die als alles überschattende Mutterfigur in der Götterwelt der Römer auftrat, verdrängte Nephtys immer mehr aus dem Bewusstsein der Bevölkerung. So wurden die Schwestern immer öfter durch eine doppelte Zusammensetzung von Isis ausgewechselt.

Die Position der Statuetten wird verständlich, sobald man die an Särgen angebrachten Klage-Göttinnen betrachtet, die ab dem 1. Jh. n. Chr. häufig zu beiden Seiten des Verstorbenen zu beobachten sind. Vergleiche mit ähnlich datierten Stücken beweisen, dass diese spezielle Platzierung für Klagefrauen, göttlicher oder nicht-göttlicher Natur, durchaus als üblich bezeichnet werden kann.

Die Handhaltung (die Arme vor die Brust erhoben) kann bei genauerer Betrachtung der Darstellungen von Klagefrauen im Allgemeinen identifiziert werden: Die vor die Brust erhobenen Arme stellen einen Gestus der Trauer dar, der zwar nicht so verbreitet ist, wie das Erheben der Arme über den Kopf, der sich aber dennoch immer wieder bei ägyptischen Klagefrauen beobachten lässt. Auch die Farbe und Form der Kleidung der beiden Göttinnen stellt eine perfekte Parallele zu den Vergleichsstücken dar, die Klagefrauen im Grab zeigen, und ermöglicht die Zuordnung der Statuetten in diesen Bereich.

Die Figuren TG 6341/2 aus dem Grab 07 in Tuna el-Gebel sind wohl in der Funktion der göttlichen Klagefrauen (eigentlich Isis und Nephtys) zugegen, die zu beiden Seiten des Kopfes des Verstorbenen stehen und mit zur Brust erhobenen Armen um ihn trauern.


[1] Diese Scans wurden von Patrick Brose angefertigt.

[2] An dieser Stelle noch einmal vielen herzlichen Dank an Dipl.-Ing. Ralph Deuke, der diese Reproduktion möglich gemacht hat.

[3] Voxeljet-Anlage, in: http//voxeljet.de/voxeljet/inhalt/produkte/3d-drucksysteme/vx800.php?navid=6.

[4] Eigenschaften von PMMA, in: http//www.alphaform100.de/rps_seite/duroplaste/index.html.

[5] Leider beruht die Wahl der Pigmente hier noch auf dem Ausschlussverfahren, bzw. auf der Annahme der wahrscheinlichsten verwendeten Pigmente, da zum Zeitpunkt des Erstellens der erwähnten Magisterarbeit keine Pigment-Analysen durchgeführt werden konnten. Eine genaue Untersuchung der Pigmente auf den Originalen steht noch aus.

[6] Wie bereits bei der virtuellen Rekonstruktion am Computer und bei der Bearbeitung der Oberfläche der unbemalten Statuetten stand nicht die Möglichkeit einer Bearbeitung der Reproduktionen vor Ort mit den Originalen als direkter Vergleich zur Verfügung.

[7] Wobei hier noch eine Untersuchung des Materials zur genauen Bestimmung aussteht.