Die Tierknochen aus dem Tierfriedhof

Die unterirdischen Bestattungsgalerien von Hermopolis Magna, wo tausende und abertausende mumifizierte Tiere nach einem bestimmten Ritual niedergelegt wurden, war ungefähr 700 Jahre in Gebrauch, beginnend mit dem Pharao Amasis (570-526 v.Chr.) bis in die Späte Römerzeit (die letzte gefundene Münze datiert von 293 n.Chr.).

In dem weit verzweigten unterirdischen Gangsystem, das in vier zeitlichen Abschnitten gebaut wurde, hat man vor allem Heilige Ibise, Threskiornis aethiopica, bestattet. Es ist zwar nicht möglich, die genaue Zahl der Ibismumien anzugeben, weil die Ausgrabungen nur stichprobenhaft erfolgen konnten, aber auf Grund der Füllung der untersuchten Mumienbehälter und –särge dürften  schätzungsweise mehr als eine Million Heilige Ibise beerdigt worden sein. Mit anderen Worten, ausgehend von 700 Jahren Benutzungszeit, sind etwa 15000 Vögel jedes Jahr abgelegt worden. Diese große Zahl war möglich durch die staatlichee Einrichtung von sog. Ibiotropheia, wonach die heiligen Vögel im ganzen Land an Seen oder permanenten Wasserstellen geschützt, gefüttert und nach ihrem natürlichen Tod einbalsamiert und nach Tuna el-Gebel gebracht werden mussten. Wahrscheinlich wurde der Heilige Ibis, der eigentlich ein Zugvogel aus dem südöstlichen Afrika ist, auf diese Weise sesshaft. Heute ist er in Ägypten ausgerottet.

Falkenmumie aus der Tiernekropole von Tuna el-Gebel.

Neben dem Heiligen Ibis hat man mindestens 115 weitere Arten von Wirbeltieren in den Mumientöpfen oder als Einzelmumien festgestellt: Haussäugetiere (Rinder, Schafe, Hunde Katzen), Wildsäugetiere (Spitzmäuse, Affen, Ichneumons, Wildkatzen, Gazellen), Reptilien (Krokodile, Schlangen) und Fische, ebenso 90 verschiedene Arten von Wildvögeln, darunter eine vielfältige Palette von Tag- und Nachtgreifvögeln.

Unter den mumifizierten Säugetieren sind vor allem die Affen – insgesamt 5 Arten, nämlich Grüner und Mantelpavian, Papio anubis und Papio hamadryas, Grüne Meerkatze, Cercopithecus aethiops, Magot, Maccaca silvanus, und Husarenaffe, Erythrocebus patas –  vorhanden. Am häufigsten kommen die beiden Pavianarten und die Grüne Meerkatze vor. Die große Zahl an Jungtieren lässt vermuten, dass man versuchte, die Arten in Gefangenschaft zu züchten. Außerdem wurden zahlreiche Knochenkrankheiten festgestellt, die im Laufe der Zeit zunahmen. Die meisten dieser Krankheiten können auf Fehlernährung, die nicht artgerechte Unterbringung der Tiere sowie auf die Auswirkungen der Inzucht zurückgeführt werden.

Literatur

von den Driesch A., Kessler D., Steinmann F., Berteaux V. & Peters J., 2006. Mummified, Defied and Buried at Hermopolis Magna – The Sacred Birds from Tuna el-Gebel, Middle Egypt. Ägypten und die Levante 15, 203-244.

von den Driesch A., Kessler D. & Peters J., 2004. Mummified baboons and other Primates from the Saitic-Ptolemaic Animal Necropolis of Tuna el-Gebel, Middle Egypt. In: G. Grupe & J. Peters (Eds.), Conservation policy and current research. Documenta Archaeobiologiae 2, 231-278. Rahden/Westf.: Leidorf.

von den Driesch A. & Kessler D., 1994. Tiermumien aus dem altägyptischen Friedhof von Tuna el-Gebel. Einsichten. Forschung an der LMU München 1994/1, 31-34.

Boessneck J., 1988. Die Tierwelt des Alten Ägypten. München: Beck.

Boessneck J., 1988. Neue zoologisch-archäologische Untersuchungen in Ägypten. Mitteilungen der Akademie der Naturforscher Leopoldina 32, 179-180.

Boessneck J. & von den Driesch A., 1987. Die Tierknochenfunde aus den Pavian- und Ibisgalerien von Tuna el-Gebel. In: J. Boessneck (Hrsg.), Tuna el-Gebel I: die Tiergalerien. Hildesheimer Ägyptologische Beiträge 24, 39-221. Hildesheim: Gerstenberg.

Siehe auch: Lehrstuhl für Paläoanatomie und Geschichte der Tiermedizin der Tierärztlichen Fakultät, LMU

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