Der Tierfriedhof von Tuna el-Gebel in ptolemäischer Zeit – die Gestaltung von C-B und C-B-2

(Dissertationsvorhaben von Katrin Schlüter)

Eine Besonderheit des Tierfriedhofes von Tuna el-Gebel sind die so genannten Paviankultstellen der frühen Ptolemäerzeit, die in dieser Form bislang ein auf diesen Tierfriedhof beschränktes Phänomen darstellen.

Abgesehen von Vorberichten, der von Kessler ausführlich publizierten Hildesheimer Kapelle C‑C‑2, der Aufnahme von vier aus derartigen Kultkammern stammenden astronomischen Decken und einer summarischen Aufzählung derselben ist bisher keine systematische Bearbeitung der räumlichen Struktur unternommen worden. In Anbetracht des Erhaltungszustands einiger Bereiche ist dies von be­sonderer Dringlichkeit. Daher wird in dieser Dissertation den „immobilen“ Befunden besondere Aufmerksamkeit geschenkt: den Kultstellen.

Die Verteilung der zahlreichen, archäologisch nachweisbaren Kultstellen ist weitestgehend auf die Galerie C und Teile der Galerie B begrenzt. Sie befinden sich sowohl in den Hauptgängen wie in einigen dadurch hervorgehobenen Kammern, deren Einrichtung auf Grund ihrer Inschriften in der Ptolemäerzeit angenommen werden kann. Die Absenz derartiger Kultstellen in der älteren Galerie D und der jüngsten Galerie A deutet auf eine veränderte Kultpraxis und Organisation v.a. der frühen Ptolemäerzeit hin.

Während der auf der Oberfläche durchgeführten Grabungen wurden bis zum Jahr 2004 innerhalb von zwei Gebäuden jeweils eine weitere, im Kern baugleiche Kultstelle freigelegt. U.a. durch die Kultstellen scheint eine Interpretation der Gebäude als Pastophoria bzw. Priesterhäuser nahe liegend. Es handelt sich zum einen um das von Gabra als “bureau des archives” bezeichnete Gebäude unmittelbar südlich von Eingang C. Dieses Priesterhaus wird anhand der Keramik und Münzfunde in die (mittlere) ptolemäische Zeit datiert und wurde bis in die 2. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. genutzt. Die andere oberirdische Kultstelle befindet sich im sog. „Kom­­plex C“, östlich des Weges zum Tempel des Petosiris, und wurde spätestens unter Ptolemaios’ VI. eingerichtet. Seit Frühjahr 2010 ist für Komplex E, Raum 1 eine weitere Kultstelle anzuführen.

Die Gestaltung der Paviankultstellen: Vorgehensweise der Untersuchung

Die Dissertation beschäftigt sich mit der Erfassung des archäologischen Materials in den unterirdischen Anlagen. Für die Dokumentation war wegen der enormen Ausmaße der weit verzweigten Gänge und der Materialmenge eine Eingrenzung notwendig. Die mind. 14 (+ >3) erreichbaren und ehemals mit Malereien und Reliefs ausgestalteten Kultkammern sind heute in sehr unterschiedlichem Zustand (B‑A‑2o, B‑A‑7, B‑A‑22, B-E-9, C‑A‑7, C‑A‑28, C‑A‑31, C‑B‑2, C‑B‑9, C‑C‑2, C‑C‑4a, C‑C‑34, C‑C‑38a und C‑C‑40; keine Malerei feststellbar für C‑A‑38 und C‑C‑4b; C‑C‑28 wiederverwendet und umgestaltet, wohl ohne Relief; auch C‑A‑2, C‑A‑3 und andere sind sicher hinzuzuzählen).

In der Regel wurden die Reliefplatten von den Wänden entfernt, und der Malerei tragende Putz ist in großen Teilen abgefallen. Einige Malereien sind zudem so stark verrußt, dass die Darstellungen nur in Ausschnitten zu erahnen sind.

Da die Kammern weitläufig über die Galerien C und B verteilt sind, schien eine isolierte, ausführliche Aufnahme der voneinander entfernten Kammern ohne die Erfassung ihres jeweiligen Umfeldes wenig sinnvoll. Unter der Prämisse, die Gestaltung der Kultstellen möglichst empirisch unter Berücksichtigung ihres jeweiligen Kontextes zu betrachten, wurde nach folgenden Kriterien ein Gangabschnitt ausgewählt:

  • Begehbarkeit des Ganges und gute Erhaltung der Wände und Decke,
  • gute Erhaltung der in die Wände eingelassenen Nischen, Existenz von gestalterischen Maßnahmen und Nischenantritten,
  • Begehbarkeit der abgehenden Kammern,
  • Häufigkeit gut erhaltener, ausgestalteter Kammern,
  • Existenz weiterer ausgestalteter Kammern in der unmittelbaren Umgebung.

Somit traf die Wahl auf den ca. 40m langen Gangabschnitt C‑B‑1 bis C‑B‑9 (bzw. C‑B‑10), der sowohl zahlreiche Kultstellen als auch zwei besonders ausgestaltete, datierbare Kultkammern enthält.

Abb. 1: C-B vor C-B-2 nach Süden

Dieser Gangabschnitt steht so exemplarisch für die Struktur der übrigen Gänge insbesondere der Hauptachse C‑A – C‑B – C‑C, – und bietet die Gelegenheit, den Wandel in der Kultausübung in der architektonischen und gestal­terischen Konzeption unter der Regierung der ersten Ptolemäerkönige zu erfassen.

Zum besseren Verständnis dieses Abschnitts wurden die übrigen, Kultstellen aufweisenden Hauptgänge sowie die anderen Kultkammern nach gestalterischen Kriterien untersucht, soweit dies Erhaltungszustand und Verfüllungsgrad zuließen. Die in den anderen Kammern bereits durchgeführten Arbeiten sind Grundlage für nachfolgende Publikationsvorhaben.

Abb. 2: B-A vor B-A-15 nach Süden                                                                                                  Abb. 3: Sicherungsmaßnahmen in C-A bei C-A-23

Abb. 4: B-C nach Süden

Die Materialaufnahme erfolgte von Herbst 2002 bis Frühjahr 2004; im Frühjahr 2006 sowie im Herbst 2010 wurde die Dokumentation überprüft. Die Aufnahme der Befunde war in ihrer Ausführung abhängig vom Ist-Zustand derselben: So konnten bereits geleerte Räume zeichnerisch wie photographisch erfasst werden, wohingegen teilweise rezent verfüllte Nischen, Kammern oder Seitenarme in ihrem status quo vermaßt und beschrieben wurden. Um die Gestaltung der Gangwände im selektierten Abschnitt zu dokumentieren, wurden von diesen Wandabwicklungen angefertigt. Vorrangiges Ziel war die schematische Veranschaulichung derjenigen Befunde, die den räumlichen Gegebenheiten und Lichtverhältnissen gemäß photographisch nur sehr schwer oder überhaupt nicht darstellbar sind.

Der Erfolg der systematischen Be­trachtung der Gang- und Kammerwände zeigte sich in neuen Ergebnissen: Offen­sichtlich sind nicht nur Malerei und Relief zur Gestaltung der Wände angewandt worden. Stift- und Dübellöcher, Stifte und Dübel in situ, Abdrücke von Pflanzengirlanden, Girlandenfragmente in situ, Abdrücke in Mörtel und feinem Oberputz von Geweben, auch Holz und einmal Papyrus eröffnen eine Vielfalt an gestalterischen Möglichkeiten.

Abb. 5: Mit Lehmziegeln zugesetzte Paviannische mit Treppe, textile Gestaltung verloren (C-B W70)                                                                                                                                     Abb. 6: Pflanzengirlande über Paviannische (C-D-5)

Da für das Alte Ägypten m.W. das Aufhängen und -kleben von Tüchern an der Wand als Gestaltungsmittel nach archäologischen Befunden noch nicht beschrieben wor­den ist, wurde diesen Befunden vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Die in dem ausgewählten Gangabschnitt gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf die gestalterischen Möglichkeiten wurden in großen Bereichen der Galerien D, C, B und A kontrolliert.

Nach den Befunden und gemessen am Erhaltungszustand der Gänge allgemein zu urteilen, dürfte der Gangabschnitt C‑B ursprünglich die höchste Dichte von textilen Wand- und Nischengestaltungen aufgewiesen haben. Diese Ausgestaltungstechnik ist zwar für das alte Ägypten in Form von Wandbehängen im profanen Umfeld sowie zur Verhüllung von Schreinen durchaus aus bildlichen Quellen bekannt, jedoch bisher nicht im architektonischen Kontext als Bildträger archäologisch festgestellt (und beschrieben) worden.

Zielsetzung

Vorrangiges Ziel ist die Darstel­lung der Konzeption des ptolemäerzeitlichen Bereiches der unterirdischen Anlage: Das ursprüngliche Gestaltungsbild der Galerien als Bühne für die dort gängige Kultpraxis wird exemplarisch rekonstruiert.Im Mittelpunkt steht die archi­tektoni­sche und gestalterische Struktur, die unter Berücksichtigung der Funde und Be­funde Auskunft über den rituellen Raum der Kultausübung geben kann. Neben der groben chronologischen Einordnung werden die archäologischen Befunde im Hinblick auf eine Feindatierung (Genese der Galerien) und Rekonstruktion der Kultpraxis diskutiert.

Einzelergebnisse

1) Der Gang C‑B war wohl immer frei, der Boden wurde unter Gabra offenbar nur grob gereinigt. Die Rekonstruktion der Forschungsgeschichte ist problematisch. (Die gelegentlichen Angaben zur Herkunft einzelner Objekte sowohl im Fundregister von Tuna el-Gebel als auch auf den Objekten im Mallawi Museum müssen oftmals angezweifelt werden.)

Vor diversen ehemals verschlossenen Nischen sind teilweise vollständig erhaltene kleine Treppen aus Kalkstein erhalten, die von niedrigen Wangen begrenzt sind und aus drei bis vier von flachen Rampen flankierten Tritten bestehen. Während des Nutzungszeitraumes wurden auf den Antritten und auf dem Gangboden Flüssigkeiten vergossen, die Staub und Schutt zu festen, braunen Schichten verbuken. In den harten Dakke-Schichten haben sich diverse Gegenstände wie Opferständer, Standringe und verlorene Antritte abgedrückt. Eine Besonderheit ist der Fund der demotisch beschrifteten Bronzeschale TG 5484 (13 cm Durchmesser), die in situ unter der untersten Stufe eines verlorenen Antrittes in der Oberfläche einer harten Dakke-Schicht gefunden wurde und eine bewusste Deponierung zu sein scheint.

2) Die Gestaltung der Gangwände ist heute zwar weitgehend verloren, aber anhand der Stiftlöcher, Abdrücke und Verschlussfragmente rekonstruierbar. So war der größte Teil der Nischen mit (Lehmziegeln und) Mörtel verschlossen und dieser Verschluss mit Malerei und/oder Relief versehen; Girlanden kommen nur im vorptolemäisch genutzten Teil der Galerien vor (C‑D und D). Das Bildrepertoire bestand in der Regel aus der Darstellung eines Osiris-(NN)-Pavian oder Osiris-(NN)-Ibis innerhalb einer gestaffelten Stützengliederung (außen Zeltstangensäulen und innen Leisten eines Schreins, jeweils mit Hohlkehle etc.). Die Ansichtsseiten eines Schreins (Leisten) enthalten Anrufungen an Osiris-Chontamenti und Osiris-(NN)-Pavian/Ibis und Verklärungsformeln.

Abb. 7: Verschluss des Topfarms C-B-6

3) Die hohe Dichte und Art der Verteilung der Nischen und Kammeröffnungen in Gang C‑B zeugen von einer regen Bauaktivität. Einige Räume wurden intrusiv zwischen bestehende und bereits bespielte Kultstellen eingebracht, deren Gestaltung spätestens durch dieses Ereignis gestört wurde. Sehr wahrscheinlich handelt es sich auch bei der Kammer C‑B‑2 Ptolemaios‘ II. bereits um eine intrusive Kammer. Inwiefern eine bestehende (un)genutzte Nische (mit Kultstelle) hierfür modifiziert bzw. aufgelassen werden musste, ist nicht feststellbar.

Die Kultstellen wurden teilweise umgestaltet oder renoviert. Ein anschauliches Beispiel ist das Ensemble um Kammer C‑B‑9, deren Malerei aus der Zeit Ptolemaios‘ I. mittels (bemalter) Textilien erneuert wurde (vermutlich wegen der stark fettigen Verrußung). Zahlreiche Stiftlöcher in der Kammer selbst wie in der Sturzfläche der im Hauptgang gegenüberliegenden beiden Nischen (W96 und W98) belegen ein vollständiges Bedecken der verschmutzten Malereien und somit auch die längerfristige Bedienung dieser Kultstelle.

Abb. 8: Renovierung der Nischengestaltung mittels Textil, Verteilung der Stiftlöcher um C-B W96+W98 gegenüber von C-B-9

Aus den Grabungen Gabras sowie des Tuna el-Gebel Projekts der Universitäten München und Kairo stammen diverse bemalte Textilien, deren Verwendung als Wandgestaltung nun geklärt ist. Zwar können teilweise die Maße der Nischen verschließenden Tücher durch die Verteilung der Stiftlöcher und der Abdrücke von Textilien in klebendem Putz erschlossen werden, eine Zuordnung der Textilfunde zu ihrem ursprünglichen Anbringungsort gelingt jedoch nicht. (Den Textilien ist ein eigenes Kapitel gewidmet.)

4) Die in der Literatur bereits als Hermopolis D bekannte astronomische Decke der Kammer C‑B‑2 wird in der Arbeit vorgestellt. – In diesem Zusammenhang findet sich ein Überblick über weitere, noch unbekannte astronomische Decken des Tierfriedhofes, die im Rahmen einer Bestandsaufnahme der Kammern im Anschluss bearbeitet werden.

Die Mittelzeile der Decke von C‑B‑2 mit der Titulatur Ptolemaios‘ II. enthält am Ende den Namen eines Osiris-Pavians, der hier Osiris-Djed-Her-Pavian gelesen wird. Dies ist insofern bedeutsam, da in den Ritualszenen der Wände lediglich Osiris-Pavian auftritt und die Kammer nachweislich drei Antritte vor drei großen Nischen aufweist. Die Kammern Ptolemaios‘ I. weisen in der primären Anlage weniger Nischen (jeweils eine in C‑A‑28 und C‑A‑31, zwei in C‑C‑34) und nur einen Antritt auf, der Osiris-Pavian ist namentlich individualisiert (gesichert für C‑A‑31, C‑C‑2, C‑C‑34).

5) Die Verschlüsse und die Ritualszenen der Kammern bieten Belege sowohl für den anthropomorphen wie theriomorphen Osiris-Pavian und Osiris-Ibis. Hinzu kommen – ebenfalls sowohl anthropomorph wie theriomorph – 14 verschiedene Osiris-NN-Paviane und 6 verschiedene Osiris-NN-Ibisse, teils mehrfach bezeugt; auch für wenige, einzelne Ibisse wurden eigene Kammern angelegt. Interessanterweise finden sich für Osiris-(NN)-Pavian und Osiris-Ibis diverse Epitheta (u.a. nTr aA und Hrj-nTrw), für Osiris-NN-Ibis dagegen nicht, was in der schlechteren Belegelage begründet sein mag. Mutmaßliche Belege für Thot-Pavian oder Thot-Ibis gibt es im Tierfriedhof dato nicht.

Allein unter Ptolemaios I. wurden mind. fünf Kammern für verschiedene Osiris-NN-Paviane eingerichtet (C‑A‑28, C‑A‑31, C‑B‑9, C‑C‑2, C‑C‑34). Möglicherweise dürfen noch weitere Kammern Ptolemaios I. zugeschrieben werden, wenn deren Datierung gelingt. Die Lebenserwartung der Affen in Gefangenschaft war nach den osteoarchäologischen Untersuchungen zwar vergleichsweise niedrig, doch ist mit der gleichzeitigen Haltung mehrerer besonderer Pavianindividuen zu rechnen.

Eine Differenzierung des Status der namentlich belegten Tiere außerhalb der vom König initialisierten Kammern ist nach derzeitigem Quellenstand nicht möglich, da der Stifterkreis nicht näher identifiziert werden kann. Unter den textilen Verschlüssen gibt es hierzu zwei Ausnahmen, deren Datierung jedoch unsicher und deren ursprünglicher Anbringungsort unbekannt ist: Ein Fragment nennt diverse nicht-königliche Personen. Das andere Tuch (Reg. Nr. 1716 bzw. Ashmunein Magazin Nr. 765) zeigt zwei antithetisch aufgebaute Ritualszenen innerhalb einer gestaffelten Stützengliederung: Genannt wird u.a. der Oberste Umrisszeichner des Thot namens Peteharpokrates. Osiris-Pavian Paanchi empfängt sowohl den Kranz der Rechtfertigung als auch Salböl, die Beischriften zitieren aus dem Totenbuch (Tb 19; Tb 114-165 und Tb 148). Die Bewertung dieses Objektes ist schwierig, da es in vielen Details wie z.B. in der Konstruktion des Paviannamens oder in der Maltechnik eine Sonderstellung einnimmt.

Abb. 9a-c: Ashmunein Magazin Nr. 765, Malerei auf Leinwand

Abb. 9a: Peteharpokrates vor Osiris-Pavian Paanchi (linke Szene)

Abb. 9b: Osiris-Pavian-Paanchi (rechte Szene)

Abb. 9c: Detail der Schreindarstellung unten

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