Die Turmhäuser

von Mélanie C. Flossmann-Schütze, M.A.

(Auszug aus dem Beitrag „Die Turmhäuser von Tuna el-Gebel. Zu den Anlagen der ptolemäerzeitlichen Tempel- und Friedhofsverwaltung“, in: Thots 6, 26-37)

Die Turmhäuser von Tuna el-Gebel und ihre wirtschaftlichen Nebenanlagen befinden sich in einem Areal, das sich von der unterirdischen Tiernekropole einen Kilometer nach Osten in Richtung Fruchtland erstreckt. Luftbild- bzw. Satellitenaufnahmen ermöglichen eine Übersicht über die Strukturen des Geländes (Abb. 12): Im Westen befinden sich die bekannten Oberbauten des Tierfriedhofes, die durch einen langen von Norden nach Süden verlaufenden Mauerzug respektive Weg vom Rest des Areals abgetrennt sind. Unmittelbar daran schließen sich zwei von Osten nach Westen verlaufende Gebäudereihen an, die zwischen sich eine „Straße“ von durchschnittlich 100 Metern lassen.[1] Beide Reihen treffen sich im Osten und gehen fließend in den antiken Siedlungshügel Kom el-Loli über. Die Satellitenaufnahmen sowie Oberflächenprospektionen und Ausgrabungen lassen einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Gebäudereihen feststellen.[2] Im Norden befinden sich kompakte, fast quadratische Anlagen, deren Türen nach Süden zeigen und somit auf die Straße ausgerichtet sind. Die Gebäudekomplexe im Süden sind im Gegensatz dazu länglich Nord-Süd orientiert und können eine Tiefe von 50 Metern erreichen. Ihre Türen befinden sich entweder im Osten oder Westen der Anlage und treffen auf kleinere Wege, die im rechten Winkel zur Straße verlaufen.

Abb. 12: Satellitenplan, Tuna el-Gebel

In den Jahren 2002 bis 2004 wurden unter der Aufsicht von Prof. Kessler zwei der südlichen Gebäudekomplexe mit insgesamt drei Turmhäusern, TG2002.K2 (ehemals Haus A/B) und TG2002.K3 (ehemals Haus C) freigelegt (siehe Abb. 14).[3] Im Jahre 2006 wurde unter der Mitarbeit der Verfasserin und Patrick Brose der erste Komplex im Norden, TG2006.K4 (ehemals Haus D), untersucht. Im Frühjahr 2010 konnte durch die finanzielle Unterstützung des Collegium Aegyptium die Freilegung eines weiteren großen Gebäudekomplexes mit Turmhaus, TG2010.K5 (ehemals Haus E), in der nördlichen Reihe begonnen werden.[4] Im Folgenden sollen die aktuellen Grabungsergebnisse vorgestellt werden.

Die bislang freigelegte Fläche der Anlage TG2010.K5 besteht aus einem Turmhaus, einem quadratischen Haus mit Kultstelle, zahlreichen Ofenanlagen und wirtschaftlichen Nebenbauten (Abb.13).
     

Abb. 13-14: Vorläufiger Plan von TG2010.K5 sowie ein Vergleich der Turmhäuser von Tuna el-Gebel (TG2002.K2 Nordturm (o. l.), TG2002.K2 Südturm (o. r.), TG2010.K5 (u. l.), TG2002.K3 (u. r.))

Das Turmhaus von TG2010.K5 hat eine Größe von 11,04 x 11,51 Meter. Seine Außenmauern, die eine Dicke von 1,24 Meter aufweisen, sind konkav verlegt, so dass die Ziegelschichten an den Mauerecken ansteigen. Lediglich das Erdgeschoss ist erhalten, seine Mauerhöhen betragen vom Raumboden ausgehend 1,26 Meter. Die Fundamente des Gebäudes liegen erhöht auf einer Plattform und scheinen auf älteren Mauern errichtet worden zu sein.[5] Der Grundriss gliedert sich in drei Streifen. In der Mitte befindet sich der Verteilerraum um den sich kleinere, meist quadratische Raumeinheiten anschließen. In der Süd-Ost Ecke liegt das Fundament des inneren Treppenhauses, das einst die Stockwerke miteinander verband. Die erhaltene Struktur weist keinen Eingang bzw. Raumdurchgänge auf. An den Ecken einzelner Räume lassen sich die Ansätze von Kuppel- bzw. Tonnengewölbe nachweisen. Beim vorliegenden Befund handelt es sich also um die Keller- bzw. Lagerräume eines Turmhauses, die wohl durch Bodenöffnungen im ersten Stock bzw. mit Leiterkonstruktionen erreicht werden konnten.[6] Der Haupteingang des Turms lag südlich im ersten Stock und konnte durch eine äußere Treppe erreicht werden (Abb. 15). Ihre Reste liegen innerhalb eines kleineren Lehmziegelvorbaus. Innerhalb des Turmhauses wurden vorrangig Keramikgefäße geborgen. Zu den Kleinfunden zählen u.a. ein demotisches Ostrakon[7] mit einem längeren Fließtext sowie ein Würfel aus Kalkstein. Zahlreiche bemalte Wandfragmente lagen lose in der Sandverfüllung. Die folgende Tabelle illustrieren die wesentlichen Eigenschaften der Turmhäuser aus Tuna el-Gebel (Abb. 14):

Befund Maße Mauerdicke Fundamentierung
TG2002.K2 Nordturm N. 11,53 m W. 12,30 m 1,20 m-1,44 m = 4-5 Ziegellängen; Mauer Konkav verlegt Fundamentgrube ca. 30 cm tief in Wüstenboden ausgehoben
TG2002.K2 Südturm N. 9,29 m W. 9,96 m 0,90 m-0,96 m = 3-3,5 Ziegellängen Keine Angaben
TG2002.K3 N. 10,06 m W. 9,54 m 0,96 m-1,23 m = 4 Ziegellängen Auf älteren Mauerzügen errichtet
TG2010.K5 N. 11,04 m W. 11,51 m 1,24 m = 4 Ziegellängen;Mauer Konkav verlegt Auf älteren Mauerzügen errichtet

Abb. 15: Turmhaus mit Treppenvorbau

Im Osten des Turmhauses liegt, durch einen schmalen Gang von diesem getrennt, ein 8,61 x 9,18 Meter großes Haus, dessen Mauern noch bis zu einer Höhe von 1,64 Metern erhalten sind. Die Mauern des annähernd quadratischen Gebäudes sind 0,49 Meter dick, was 1,5 Ziegellängen entspricht. Der Aufgang zum ersten Stock befindet sich in der süd-westlichen Gebäudeecke.[8] Der Haupteingang liegt auch hier im Süden, befindet sich aber im Gegensatz zum Turmhaus auf Bodenniveau. Eine massive Kalksteinplatte mit Drehpfannen bildet die Türschwelle des Eingangs (Abb. 16). Von dort führt der Verteilerraum zu unterschiedlich genutzten Lager- und Wirtschaftseinheiten, wie beispielsweise ein mit drei Silos ausgestatteter Raum (Abb. 17).

    

Abb. 16: Eingang des Hauses                        Abb. 17: Silos

Im Blickfeld des Haupteingangs liegt am Ende des Verteilerraums eine Kalksteintreppe, die zu einem Raum mit Kultstelle führt. Die Identifizierung als „Kultraum“ kann durch mehrere Befunde gesichert werden. An der Nordwand befinden sich Reste einer Wandmalerei, die zahlreiche Parallelen mit den unterirdischen, ptolemäerzeitlichen Kultstellen des Tierfriedhofs aufweist (Abb. 18-20).[9] Zu sehen sind zwei antithetisch aufgebaute Schlitten, die sich innerhalb eines architektonischen Rahmens, bestehend u.a. aus Zeltstangensäulen und Inschriftenbändern, befinden. Die Szene kann mit Hilfe von weiteren Wandmalereifragmenten und vor allem der Parallelen rekonstruiert werden: Innerhalb einer komplexen Schrein- bzw. Kapellendarstellung mit Giebeldach, Hohlkehlen- und Uräenfriesabschluss befinden sich die Darstellungen eines Osiris-Ibis oder Osiris-Pavian. Inschriftenreste beinhalten den Namen eines Stifters, wohl Djed-Hor zu lesen, sowie die Erwähnung eines „[Osiris …-der]-Ibis“. Unmittelbar vor der Malerei lag ein Opferständer aus Kalkstein, wie er auch vor den Kultstellen der Tiernekropole anzutreffen ist. Darüber hinaus konnten innerhalb des Verteilerraums, neben der Kalksteintreppe zum Kultraum, verschiedene Kultgeräte wie eine aus Bronze gefertigte Situla mit demotischer Inschrift (Abb. 21), Amulette (Abb. 21) und Fayence-Schalen in situ geborgen werden. Im Umfeld des Hauses wurden zudem einige Fayencefigürchen unterschiedlicher Gottheiten aufgefunden.

         

Abb. 18-20: Erhaltene Wandmalerei und Fragmente

        

Abb. 21: Situla aus Bronze             Abb. 22: Bes-Amulette

Die Befunde im Süden der beiden Häuser bezeugen eine rege wirtschaftliche Produktionstätigkeit. In verschiedenen stratigraphischen Schichten liegen zahlreiche Ofenanlagen (Abb. 23). Der Fund von Brotformen (Abb. 24) könnte für eine Bäckerei sprechen.[10] Der nördliche Bereich hinter den Häusern kann als Lagerräume und Stallungen interpretiert werden. Neben vielen Gefäßfunden[11], die zum Teil im Boden eingelassen waren, sind hier vor allem Reste botanischen Materials, Seile und Körbe, sowie ein Eselsskelett zu erwähnen.

      

Abb. 23: Ofenanlagen im Süden                           Abb. 24: Brotform

Die Münzen belegen eine durchgängige Nutzung von TG2010.K5 von der Ptolemäerzeit bis in die frühe Römerzeit. Die bautypologischen Befunde des Turmhauses und der Öfen, die Kultstelle und auch die Keramik datieren den Komplex ebenfalls in diese Zeitspanne.[12]

Die Identifizierung einer Kultstelle in einem von Wirtschaftsanlagen geprägten Gebäudekomplex ist von großer Bedeutung. Es unterstützt die bereits von Prof. Kessler geäußerte Vermutung, dass die hier vorgestellten Bauten der Sitz der ptolemäerzeitlichen Tempelverwaltung bzw. -versorgung der Tiernekropole gewesen seien. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen können folgendermaßen zusammengefasst werden: Erstens setzt die Lage der Komplexe an einer Straße bzw. Achse, die zum Eingang des Tempels führt, diese in einen räumlichen Bezug zum Tierfriedhof. Auch in Karnak, Elephantine oder Tebtynis befinden sich Turmhäuser innerhalb der Tempelumfassungen bzw. an den Dromoi und werden ebenfalls als Verwaltungssitz und Priesterwohnungen interpretiert.[13] Zweitens belegen die Befunde wie Lager- und Produktionsstätten aber auch die Textfunde wie demotische Abrechnungen oder zweisprachige Verträge (demotisch-griechisch) den Verwaltungs- und Versorgungscharakter der Gebäude.[14] Drittens kann durch den Befund eines Kultraumes eine direkte Verbindung zu den unterirdischen Kultstellen gezogen werden. Die Gebäudekomplexe waren wahrscheinlich Sitz der lokalen Kultgenossenschaften, die für die Versorgung der Kultstellen in Tuna el-Gebel zuständig waren. Ein Ibis-Amulett (in TG2010.K5) (Abb. 25), Stempel mit Ibis-Emblemen auf Amphorenverschlüssen (in TG2002.K2) (Abb. 26) und eine Kultstelle mit Namensresten eines „[Osiris …-der]-Ibis“ (in TG2010.K5) (Abb. 18-20) können als Hinterlassenschaften einer Ibis-Kultgemeinschaft angesehen werden.

           

Abb. 25: Ibis-Amulett                                          Abb. 26: Stempelabdruck mit Ibis

Zuletzt sei noch Herrn Prof. Dr. Friedhelm Hoffmann herzlich gedankt, der seit Beginn seiner Berufung sehr viel Zeit und Engagement dem Grabungsprojekt Tuna el-Gebel gewidmet hat. Das Grabungsteam freut sich nicht nur auf die weitere Zusammenarbeit mit Prof. Hoffmann sondern auch mit den Mitgliedern des Collegium Aegyptium, die einen wesentlichen Beitrag für das Gelingen des Projektes beisteuern.

Die Abb. sind Eigentum des Projektes „Tuna el-Gebel“ und dürfen ohne Genehmigung nicht reproduziert werden.


[1] Die im Durchschnitt 100 Meter breite, unbebaute Fläche wird vorläufig als Straße bzw. Achse bezeichnet.

[2] Strukturen, die hier auf Satellitenaufnahmen zu erkennen sind, bezeugen in der Wüste von Tuna el-Gebel eine bereits erfolgte Freilegung der jeweiligen Anlage. Im Gegensatz zur Luftbildprospektion auf bewachsenem Boden können keine Bodenmerkmale wie Vegetations- oder Feuchtigkeitsmerkmale im Sand angetroffen werden.

[3] Die Anlagen werden erwähnt in: Kessler 2007: D. Kessler, Die Tempel von Tuna el-Gebel, in: B. Haring – A. Klug (Hrsg.), 6. Ägyptologische Tempeltagung. Funktion und Gebrauch altägyptischer Tempelräume. Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen 3.1, (Wiesbaden 2007) 131–152.

[4] Die Freilegung von TG2010.K5 erfolgte unter der Feldleitung von Mélanie C. Flossmann-Schütze, M.A. Patrick Brose übernahm die Schnittleitungen sowie das Vermessen des Areals. Den Studenten des Insituts für Ägyptologie, insbesondere Christopher Waß, Stephan Unter und Cornelia Lechner sei für ihre aktive Mitarbeit an sämtlichen archäologischen Arbeitsschritten gedankt. Elisabeth Griesbeck übernahm die Aufgabe der fotografischen Kleinfunddokumentation. Stephan Unter und Dominik Kaiser haben in der Herbstkampagne 2010 eine detaillierte Bearbeitung der Kleinfunde durchgeführt. Nadja Böckler hat diese im Anschluss vollständig fotografiert. Allen dreien sei hierfür gedankt, vor allem Stephan Unter, der sich zusätzlich der weiteren Aufarbeitung in München gewidmet hat. Patrick Brose hat sich darüber hinaus in mühevoller Arbeit der Aufarbeitung und Digitalisierung der älteren Pläne aus den Jahren 2002 bis 2004 angenommen.

[5] Die Frage nach Art der Fundamentierung und möglichen Vorgängerbauten kann erst in der nächsten Grabungskampagne nachgegangen werden.

[6] Ein anderer Zugangsweg zu den Kellerräumen scheint nicht möglich. Lediglich der Verteilerraum könnte mit einer heute nicht mehr erhaltenen, hinabsteigenden Treppe versehen worden sein.

[7] In Bearbeitung von Dr. Mahmoud Ebeid, Cairo University.

[8] Einen zweiten Stock wird es aufgrund der geringen Mauerdicke von 1,5 Lehmziegellängen nicht gegeben haben.

[9] Als Vergleich können die zahlreichen Nischenverschlußplatten aus Kalkstein, die bemalten Wandverputze und Textilien herangezogen werden. Siehe beispielsweise dazu: Schlüter 2006 sowie Schlüter 2010.

[10] Die sichere Zuweisung der Öfen als Bäckerei sowie der Brotformen muss noch geprüft werden.

[11] Zu den Keramikfunden zählen: Platten/Teller, Schalen, Töpfe, Krüge, Amphoren, Vorratsgefäße, Deckel, Standringe und Flaschen.

[12] Alle in dem Artikel erwähnten Gebäudekomplexe aus Tuna el-Gebel sind im letzten Jahrhundert durch verschiedene Grabungsmissionen der Deutschen Orient-Gesellschaft DOG sowie der Universität Cairo mehrfach freigelegt worden. Funde aus der Zeit Sami Gabras (Lampenzylinder), aus dem Jahre 1956 (Zeitungsartikel) sowie ein Friktionsschwammpäckchen aus der Steiermark (Ende 19./Anfang 20. Jh.) belegen eine rege Freilegungstätigkeit und erklären die oft mit reinem Flugsand gefüllten Räume. Leider sind von diesen Unternehmungen keine Grabungsunterlagen aufzufinden.

[13] Für Karnak siehe: Lauffray 1995; Für Tebtynis siehe: http://www.ifao.egnet.net/archeologie/tebtynis/; Für Elephantine siehe: Arnold 2008: G. Dreyer – F. Arnold – J. Budka – D. Franke – F. Hoffmann – D. Keller – P. Kopp – S. Lippert – B. Von Pilgrim – C. Von Pilgrim – D. Raue, Stadt und Tempel von Elephantine. 33./34./35. Grabungsbericht, MDAIK 64, 2008.

[14] Die Publikation der Textzeugnisse durch Dr. Mahmoud Ebeid, Cairo University steht noch aus.

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